„Hallo Welt! Wir beobachten mit Besorgnis …”

Mit diesem Satz fängt es meist an und es folgen Aktionen, die die Welt zum Guten zwingen wollen – und dabei gelegentlich erfolgreich sind. Das Hauptmedium der Bewegung Anonymous ist das Internet und Anonymität ist Programm in der anarcho-demokratischen Netzkultur.

Ob Anonymität und Datenkommunikation jedoch erfolgversprechend sind, um ein System zu verändern, dass sich mit massenhafter Datenverarbeitung selbst zunehmend auf diese beiden Faktoren stützt, erscheint mir zweifelhaft. Der Versuch, das System „mit den eigenen Waffen zu schlagen”, erinnert mich sehr an den „langen Marsch durch die Institutionen“ der 68er, die ebenfalls das Gesellschaftssystem mit immanenten Mitteln verändern wollten.

„If you’re not paying for it, you’re the product being sold.”

Als Weisheit im Umgang mit Onlinemedien ist diese Erkenntnis symptomatisch für eine weltweit konsumverschworene Gesellschaftsordnung. Die nostalgische Unterscheidung der Gesellschaftsteilnehmer in „Konsumenten” und „Produzenten”, wie sie meine Generation für sich entdeckt hatte, kann dagegen nur noch eine romantische Erinnerung sein. Im heute alles vereinnahmenden Konsumsystem gibt es keine richtungsändernde Einflussnahme mehr. Wer dagegen ist, wird gerade damit zur Ware.

Reformversuche, Revolten oder Gegenbewegungen werden in kürzester Zeit zu Verkaufsschlagern umgemünzt: Punk ist schneller schick und in teure Mode verwandelt als die Antikonsum-Botschaft der Bewegung verbreitet werden konnte, gesellschaftliches Gutsein ist ein wichtiger verkaufsfördernder Baustein in Wirtschaft und Unterhaltungskultur. Gute Geschäfte lassen sich ohne den Anstrich von „Gutmenschlichkeit” und „Nachhaltigkeit” gar nicht mehr machen.

BigData: Daten sind das Rohöl der Zukunft (Google)

Ich versuche, mir das Internet als eine einzige große Maschine vorzustellen. Und mit dieser virtuellen Netzmaschine ist selbstverständlich auch die reale Welt verbunden – keine Produktion, kein Handel, kein Sozialwesen ohne Einbindung in das Informations- und Kommunikationsnetzwerk wäre funktionsfähig. Und das alles beruht auf BigData: der massenhaften Sammlung und Prozessierung von Daten, einer ungeheuerlichen Assimilation der realen Welt in vernetzte virtuelle Speicher- und Sortierverfahren.

Eine alles assimilierende Gesellschaftsform wurde schon in Star Trek mit dem Volk der Borg als nicht aufzuhaltende Kraft bei der rücksichtslosen Expansion im Universum vorgestellt: Die Borg entwickeln sich weiter, indem sie Wissen und Erfahrungen in ein kollektives Bewusstsein aufnehmen und so die neuen Eigenschaften der Gemeinschaft hinzufügen. Individuelles Bewusstsein gibt es unter den Borg nicht. Assimilierte Individuen werden zu Drohnen gemacht, deren Körper mit Nanotechnologie ausgestattet sind.

Dies stellt sich als paradiesischer Zustand dar, weil das kollektive Bewusstsein unsterblich geworden ist.

Mit der Einverleibung des „Ich”-Bewusstseins in ein anonymes „Wir”-Bewusstsein wird auch eine anarchistische Gegenbewegung wie Anonymous zu Schmieröl und Motor des Systems. Und dann ist es plötzlich nicht mehr die Hymne von Anonymous, sondern die bedrohliche Hymne der „Maschine Internet”, die im kollektiven Sprachduktus der Borgs formuliert:

anonymous_emblem

Hallo Welt!

Wir sind Anonymous. Wir sind viele.

Wir vergeben nicht. Wir vergessen nicht.

Erwarte uns. …

Wir assimilieren dich!

Abbildung 1: By Al from Edinburgh, Scotland (Anti-Scientology Protest) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)%5D, via Wikimedia Commons from Wikimedia Commons
Abbildung 2: By Kephir at English Wikipedia [Public domain], via Wikimedia Commons

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