Ein Ort intellektueller Entspannung – Der Zoo

Schon als Kind, als ich noch nichts wußte von Tierschutz und artgerechter Haltung, war der Zoo mein Lieblingsort. Damals in den vielfach noch nackten Käfigen konnte ich dem Tier gegenübertreten, das ich als meinen Freund wähnte, als gebändigte Gewalt in Menschenhand.

Und wenn ich noch nichts wußte von der Gefahr, die von Löwen und Tigern ausgeht, hier spürte man sie. Konnte sie riechen und sich doch sicher fühlen. Damals kannte ich Rilkes Panther noch nicht, und der Tiger, der unaufhörlich vor den dicken Eisenstäben auf und ab marschierte, schien mir wie ein König von dem kein Leid ausging.

Das Wilde und das Vertraute wurden eins. Und nur die Scham hinderte mich daran, meinen Stofftiger mitzubringen in den Zoo. Aber ich stand oft noch versonnen vor den Käfigen, wenn meine Familie schon längst weitergegangen war, und mochte mich nicht lösen.

Dieser Moment der Versenkung ist mir bis heute geblieben. Und das hat wenig von der Schaulust, von der Ekstase des Einzigartigen, Tieren, die man sonst nur in Bildern sehen kann, leibhaftig gegenüber zu treten. Anders als im Museum treibt mich keine Sehnsucht nach tieferer Erkenntnis in den Zoo, sondern eine intendierte Zwecklosigkeit.

Es geht nicht darum, etwas zu erfahren, sondern um ein ganz persönliches Erleben.

Oft sind es nur wenige Sekunden, in denen etwas passiert. Dann nämlich, wenn die Illusion einer geglückten Kommunikation perfekt wird. Wenn man meint, der konzentrierte Blick werde erwidert, das Tier hat einen erkannt, wahrgenommen und als unbedrohlich akzeptiert.

Natürlich geht das nicht bei allen Arten. Kleine glitzernde Fische und Reptilien sind eher etwas wie bewegte Tafelbilder, Vögel und kleinere Säugetiere wie ein Set im Film. Doch die großen, Elefanten und Nilpferde, Giraffen oder Nashörner, sind Wächter einer eigenen Welt, zu der der Zugang begrenzt ist. Wenn man sie betrachtet, ahnt man etwas von ihrer Erhabenheit.

Den Kummer sieht man nicht.

Deshalb bin ich heute froh um jeden Zoo, der sich um das psychische Wohl der Tiere sorgt. Er steigert deren Befinden ohne mir das Vergnügen zu nehmen, mich für eine kurze Zeit einmal klein und wohl zugleich zu fühlen. Zu vergessen, was mich im Alltag bestimmt und zu kommunizieren ohne zu reden.

Ich war in New York, in London und in Berlin in Zoos, in Duisburg, Gelsenkirchen, Wuppertal und Frankfurt. Immer ist er eine Oase mitten in der Stadt. Ein Ort des lebhaften Vielklangs gegen das bedrückende Einerlei des Straßenverkehrs. Und auch heute geht es mir nur ganz am Rande darum, ob Zoos nun Instrumente des Tierschutzes und der Arterhaltung sind oder nicht. Für mich bleiben sie Zentren einer fast magischen Konfrontation.

Nicht umsonst spielt eine der ersten Schlüsselszenen in J.K. Rowlings Harry Potter im Zoo.

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