„Der Zweck der Arbeit soll das Gemeinwohl sein“

Dieser Satz, in 50er Jahre Ästhetik groß an einer Hauswand in Essen aufgemalt, hat mich schon in jungen Jahren irritiert. Und bis heute nicht mehr losgelassen. Denn so richtig dieser Satz mir damals wie heute erscheinen möchte, stammt er doch von Alfred Krupp, einem Unternehmer, der sein Industrie-Imperium als größter Waffenproduzent seiner Zeit aufgebaut hat, was ihm auch den Beinamen „Kanonenkönig” einbrachte.

Heute weiß ich: Es war es nicht der Satz selbst, der mich verunsichert hat, sondern die Tatsache, dass ich ihn aus dem Mund eines solchen Unternehmers weder erwarten würde, noch hören möchte.

Mittlerweile hat sich in der (Arbeits)Welt einiges verändert. Moderne Schlagworte lauten Ressourcenerschöpfung, Klimawandel, Finanz- und Religionskrise, Ende des Kapitalismus … Mal abgesehen von der eingangs zitierten Unternehmerethik – kann in einem solchen Kontext die Arbeit noch dem Gemeinwohl dienen?

Noch die Römer sahen in ihren arbeitenden Sklaven keine Menschen, sondern sprechende Werkzeuge.

Bis ins Frühmittelalter wurde Arbeit als Mühsal rigoros abgelehnt und von den meisten Menschen als Bestrafung Gottes nach dem Sündenfall angesehen.

In heutigen Industriestaaten hat die Produktivität einen Stand erreicht, der es erlaubt (oder erzwingt) mehr als ein Drittel der Bevölkerung von der einkommensorientierten Erwerbsarbeit auszugrenzen. Arbeitsbeschaffung wird mittlerweile als eine der Hauptaufgaben verantwortungsvoller Staatsführungen angesehen.

Selbst in der UN-Menschenrechtscharta ist das Recht auf Arbeit verankert: „Jeder hat das Recht auf Arbeit … sowie auf Schutz vor Arbeitslosigkeit.”
Und Hannah Arendt formulierte schon 1958 folgende These: „Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist … Was könnte verhängnisvoller sein?“

Ist Arbeit für das alternativlos postulierte Wirtschafts- und Produktionswachstum tatsächlich zum Problem ohne gesellschaftlichen Nutzen verkommen? Oder ist Arbeit angesichts des entuferten Wachstums für das Gemeinwohl sogar schädlich geworden?

Zum Glück gibt es neben dem gesellschaftlichen, auf das Resultat fokussierten Blick auch die philosophische Betrachtung.

Und da stellt Habermas die provokante Frage: „Sprechen Menschen in Arbeits- bzw. Handlungssystemen miteinander, weil sie gemeinsam arbeiten, oder arbeiten sie gemeinsam, weil sie miteinander sprechen wollen?”

Für mich braucht diese Frage keine Antwort. Allein die Zusammenstellung der Begriffe „Arbeit” und „miteinander sprechen” macht mich schon glücklich.

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