Maschinenstürmer

Vor einigen Tagen las ich in Kronhardt, einem Buch von Ralph Dohrmann, den interessanten Dialog zwischen dem Protagonisten Willem Kronhardt und seinem Professor für Betriebswirtschaft. Wir befinden uns in den 80er Jahren und das Gespräch entzündet sich am damals neuartigen Kaffeeautomaten in der Mensa der Universität.

Es geht um die Frage, ob Automatisierung bis hin zu einfachsten Tätigkeiten wie dem Kaffeekochen die Menschheit zwangsläufig abhängig machen und später, wenn sich niemand mehr erinnert, wie solche Tätigkeiten ohne Maschinen durchzuführen sind, schließlich vollständig unterjochen wird.

Auch George Orwell hatte mit seinem Buch 1984, wie sich heute am Internet zeigt, mit seiner düsteren Prognose der unbegrenzten Möglichkeiten für eine Diktatur mit vollständiger maschineller Überwachung ins Schwarze getroffen. Nur dass Orwell damals noch vor einer menschengemachten und personengesteuerten Diktatur warnen wollte.

Stanislaw Lem hat 1957 mit seinen Sterntagebüchern einen sehr realitätsnahen Blick auf die moralischen und rechtlichen Verwerfungen eröffnet, die sich aus künstlicher Intelligenz und Vernetzung von Maschinen ergeben würden. Die dort behandelten Probleme sind heute zwar als politische Themen in der Diskussion, aber bei weitem noch nicht gelöst.

Hat die Herrschaft der Maschinen
bereits begonnen?

Mein Applecomputer (okay, ich weiß, das man gleiche Leistung weniger schön verpackt auch preiswerter haben kann) hat mich in den vergangenen Wochen gleich zweimal nachdrücklich zu  einschneidenden Systemupdates genötigt. Die traurige Folge war nicht die erhoffte und irgendwie auch erwartete nützliche neue Leistungsdimension, sondern eine breit angelegte Vernichtung meiner gewohnten Arbeitsabläufe und liebgewonnener Software.

Damit ich meine Arbeit am Rechner danach genauso wie bisher erledigen konnte, musste ich erhebliche Zeit und Nerven investieren.

Als Bediener fühle ich mich in rasant zunehmender Geschwindigkeit von „meinen” Maschinen versklavt. Vom Beherrscher werde ich zum (Be)Diener: Mein Auto schreibt mir vor, wann es in die Werkstatt will, die Rechtschreibprüfung presst mir ungewollte Worte ab und meine Kommunikationsgeräte nötigen mir die Vorlieben ihrer Hersteller auf.

Offensichtlich hatten Lem, Orwell, Kronhardt und die vielen anderen Maschinenstürmer Recht mit ihren Voraussagen, was die Nutzung der technischen Entwicklung und auch das darin steckende Missbrauchspotenzial angeht. Heute leben wir in einer Welt, in der Kommunikationstechnologie, Maschinenunterstützung fast sämtlicher Arbeitsprozesse bis hin zur Gentechnik so selbstverständlich geworden sind, dass sich unsere Zivilisation ohne diese Hilfsmittel wahrscheinlich nicht einmal mehr ernähren könnte.

Gerade so wie damals bereits vorgezeichnet, zwingt uns die Technik neue Verhaltensweisen und endlose Lernprozesse auf. Nützliche Funktionserweiterungen bleiben vielfach aus, der Erneuerungsprozess wird allein aus den Anforderungen des Systems (z.B. Sicherheit) selbst heraus gerechtfertigt.

Auch das Internet kann man sich ohne weiteres als eine einzige Maschine vorstellen, die sich mehr und mehr vom Werkzeug zum Kontrollinstrument entwickelt, zum Beispiel wenn Google meine Mails analysiert oder Cookies, Robots und Suchmaschinenfilter mir diktieren, was ich sehen soll. Oder darf.

Es ist Zeit, Fragen zu stellen:
Sind wir längst über den Punkt einer Einflussnahme hinaus?
Müssen diese Entwicklung gestoppt werden?
Oder dürfen wir uns sogar auf eine Zukunft freuen, in der wir mit Maschinenhilfe ein völlig neues Bewusstsein und eine für alle vorteilhafte Gesellschaftsform erlangen?

Die Antworten sind nicht zwangsläufig rückschrittliche Maschinenstürmerei:

Sie werden viel mehr zur Grundlage für dringend erforderliche Wertekorrekturen im Selbstverständnis des Einzelnen und in der Gesellschaftsordnung.


Abbildung: By Lewis W. Hine for the National Child Labor Committee [Public domain], via Wikimedia Commons

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