Endstation Uckermark

Es ist noch nicht so lange her, als ich in meinem Garten saß und zum wiederholten Mal das Gespräch unterbrechen mußte, weil ein Verkehrsflugzeug den Tiefflug übte. Bislang hatte ich mich immer damit beruhigt, dass die Nähe zum Flughafen ja auch ihr Gutes hat, ich ja nur selten im Garten sitze und überhaupt solcher Lärm nur bei Ostwind stattfindet. Aber als Perspektive? Meine Zukunft, beschloss ich da, ist  das Leben auf dem Land. Und allen spöttischen Bemerkungen von Freunde und Bekannten zum Trotz, begann ich mich umzusehen.

Als ich dann zu einer Hochzeit in die Uckermark eingeladen wurde, war es um mich geschehen. Wunderbar leer war diese Landschaft, durchzogen von einem dichten Netz von Flüssen und Seen, mit zahlreichen Laubbäumen statt der dunklen Tannen und kleinen ruhigen Dörfern statt der besiedelten Landstraßen aus Hessen. Doch was alles andere ausstach, war der Preis. Große Hofanlagen mit 2 – 3000 qm Grund für weniger als 40.000 €, das, so dachte ich, könnte die Basis einer Altenwohnanlage sein. Denn es geht mir nicht um Waldeinsamkeit an sich – ich möchte meinen Lebensabend  in einer ruhigen Lage mit Menschen meines kulturellen Hintergrundes verbringen. Schwierig  nur, diese zu finden. Die meisten hängen hoffnungsvoll an der Stadt und scheuen die Veränderung.

Die Zusammensetzung geht auf den ehemaligen Bremer Bürgermeister Henning Scherf zurück. Freunde, Bekannte und Fremde zu gleichen Teilen, wobei sich das Drittel Fremde noch am einfachsten finden lässt. Denn die Freunde haben immer gleich einen ganzen Strauß von Einwänden. Es gibt keine Ärzte, keine Kinos und Theater, keine Einkaufsmöglichkeiten und keine öffentlichen Verkehrsmittel.  Obwohl ich weit davon entfernt bin, mein Leben über Krankheiten zu definieren, gibt es für die Ärztefrage sicher Lösungen. Vielleicht findet sich ja sogar ein pensionierter Mediziner als Mitstreiter. Für die kulturelle Versorgung ist gesorgt, in einem Land in dem es von Städten nur so wimmelt, die nie weiter als eine Autostunde entfernt sind und das Einkaufen passiert ja heute schon online, bis zur Buttermilch.

Und wenn man nicht mehr so kann, heißt es dann? Allein, in einer teuren westdeutschen Großstadt, wird man dann ebenso eingeschränkt sein, wahrscheinblich eher mehr. Denn wer kann sich schon eine Rundumversorgung leisten? Mit mindestens 10 Leuten in der Uckermark allerdings, bleibt bei dem günstigen Wohnraum genug übrig, um gemeinsam Köchin, Chauffeur und Krankenpflege zu bezahlen. Unterbringung inklusive. Und dann lebt man im Ghetto der Seelingen mitten im Land der Arbeitslosigkeit? Das, glaube ich, ist das größte Problem. Und die Aufgabe der Integration, der gemeinsamen ländlichen Perspektive zwischen Einheimischen und Zugereisten, das wird wirklich eine Herausforderung.

Aber ohne Herausforderungen und gemeinsamen Aufgaben kann ich mir solch ein Altenwohnprojekt ohnehin nicht vorstellen.

„Charlottenhöhe in der Uckermark“ by Oldfox81 – Own work. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons – http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Charlottenh%C3%B6he_in_der_Uckermark.JPG#/media/File:Charlottenh%C3%B6he_in_der_Uckermark.JPG