Wille

22:30 – 23:25 _ Mittwoch

12. März 2014 · 1 Jahr 50, Jahrbuch für Freidenker; Robert Smajgert

Im Käfig unserer sprachgegründeten kognitiven Selbstsicht, verstehen und beschränken wir den Willen für gewöhnlich als persönliche Befindlichkeit und impulsgebenden Handlungsakt. Irgendwie behandeln wir ihn dabei wie den kleinen Bruder unserer IchIdentität oder als Äußerung eines angenommenen Seelenkerns, der uns ausmacht; darin ist er ein Charakterzug unseres Selbst, aber keine eigene Wirkgröße.

Früh übt sich …
Früh übt sich …

Wir haben demnach Willen, weil wir es wollen; das heißt, weil unser Ich es will. Der Wille zeigt das Wollen unseres Wesens und wäre ohne diese wollende Wesensmitte nicht präsent.

Dadurch aber entsteht eine Art Pleonasmus, weil das wollende Ich der Wille ist, der will. Was einerseits unserer Personvorstellung doppelt, entschärft andererseits die Sicht auf die reine Willensnatur unserer Erscheinung, wodurch wir mehr Ich werden, aber weniger Wille.

Verlassen wir das Haus der Worte, in denen unser Denken Ich und Seele gründet, und stürzen wir uns in das Feld der fühlenden Erfahrung, dann wird Willen zur zentralen und universalen Kategorie unseres Daseins. Jede Handlung, jedes Geschehen, jede Empfindung, jede Wahrnehmung lassen uns deutlich daran teilhaben, dass wir durch und durch von physischen und mentalen Impulsen angetrieben und gesteuert werden, die als willentlich zu bezeichnen sind, weil wir durch unser Verhalten radikalen Einfluss darauf nehmen können.

Dieses Prinzip lässt sich vom biochemischen Antrieb in den Zellen bis zur Verschaltungsstruktur unseres Hirns beobachten, formiert die Kräfte, die uns Sprache schenken, und klammert keinen Zentimeter unseres Körpers aus.

ÜÜberall wirken willentliche Impulse als Auslöser und Hebel der Zueignung, die als Bewegung der Erscheinung in ihrem geordneten Phänomen Charakteranlagen lebt. Nichts spricht also dagegen, auch eine chemische Reaktion oder allgemeingültige Kausalitätsformen in diesem Spektrum des Willentlichen zu verorten, das stets voll und ganz zueignende Bewegung und damit Werden ist. Zollen wir dem Willen den Respekt, der ihm gebührt. Er spielt keine Nebenrolle im Schauspiel unseres Lebens, sondern die erste Hauptrolle, führt darüber hinaus sogar noch Regie und schreibt zusammen mit dem `Objekt des Willens´, dem Bezug, das Drehbuch der Wirklichkeit.

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