Römische Glücksmomente

Es scheint, als hätte sich die Menschheit in den vergangenen zweitausend Jahren nicht so unglaublich weit entwickelt, wie es uns Technik und Wissenschaft gern glauben lassen. Erst neulich stieß ich auf eine faszinierendes Quadrat – das Sator-Quadrat, ein Satzpalindrom aus römischer Zeit.

 

 


 

Das Sator-Quadrat lässt sich nicht nur vorwärts und rückwärts, sondern auch von oben nach unten bzw. andersherum lesen.


 

D

ie frühesten Funde dieser in Stein gemeißelten, quadratisch angeordneten Buchstabenfolge stammen aus vorchristlicher Zeit und wurden in Pompeji entdeckt. Das Palindrom ist dort in der „Pälastra” in eine der Säulen eingeritzt. Die Palästra war übrigens eine römische Sportarena für das Training der Ringkämpfe und für Wettkämpfe.

Bereits die Römer fanden also Ihre Glücksmomente nicht nur bei sportlichen Wettkämpfen, sondern auch im Umgang mit clever codierten Botschaften.

Während Menschen den unbekannten Gestalten der Natur meist mit Misstrauen und Vorsicht begegnen, denn es könnte sich um eine Gefahr handeln, auf die man nicht „vorprogrammiert” blitzschnell reagieren kann, üben unbekannte zivilisatorische Gestaltelemente Neugier und Faszination aus. Denn dort geht es nicht um Gefahr, sondern um Botschaft – und diese zu verstehen, kann große Vorteile bringen.

Die Botschaft des Sator-Quadrats ist dreifach verschlüsselt, und verschlüsselt soll nicht versteckt, sondern komprimiert heißen. In dieser komplexen Komprimierung – GestaltZeichen – Text – dürfte der Grund für die Anziehungskraft liegen, die das Quadrat bis heute ausübt.

Eine solcherart kompakt verschlüsselte Botschaft* ist nicht nur attraktiv, sondern kommt auch schnell und sicher an: Sie kann aufgrund der symetrischen Anordnung der Zeichen aus allen Richtungen gelesen werden.

Mit diesen Eigenschaften wurde das Sator-Quadrat schnell zum „Dauerbrenner” – in diesem Fall in der christlichen Kultur. Es wurde über Jahrhunderte hinweg als Geheimzeichen eingesetzt, an dem sich Christen in fremden Ländern gegenseitig erkennen konnten.

Ähnliche magische Quadrate kann man zur Zeit wieder entdecken

Auch diese Codes** fallen durch ausgeprägte Symetrie und elementare formale Reduktion auf, auch sie weisen damit auf eine Funktion als Bedeutungsträger hin.
Und tatsächlich: QR-Codes (Quick-Response-Code) beinhalten Textinformationen und auch diese Codes kann man drehen und wenden – die komprimierte Information ist redundant enthalten und aus jeder Richtung lesbar.

Ursprünglich wurde der QR-Code für die Industrie (Toyota) entwickelt, um Bauteile in schneller Bewegung auf dem Fließband automatisch zu erkennen, er fand seinen Einsatzzweck dann in vielfältigen Marketingmaßnahmen. Hier wird er genutzt, um mit dem Handy ohne mühsames Tippen Webseiten aufrufen zu können.

Vom Prinzip her mit dem Sator-Quadrat vergleichbar, zeigt der QR-Code nur eine unwesentliche kulturelle Entwicklung. Wie schon im Sator-Quadrat finden sich die drei Komprimierungs-Ebenen Gestalt, Schriftzeichen, Sprache. Zusätzlich wird jetzt das Internet als Referenzmedium genutzt. Denn der QR-Code beinhaltet in der Regel nicht den gemeinten Wortinhalt, sondern nur das Schlüsselwort (URL) als Türöffner zum eigentlichen Inhalt. Die aufgerufene Information selbst ist dann zusätzlich HTML-verschlüsselt, um über das World Wide Web strukturiert übermittelt werden zu können.

Die spielerische Lust am Zeichen hat offenbar seit römischen Tagen nicht nachgelassen. Das Sator-Quadrat allerdings konnte noch mit geringen kulturellen Grundkenntnissen entschlüsselt werden, das Lesen unserer heutigen Codes erfordert eine wesentlich umfangreichere Vorbildung oder man lässt sie von Maschinen decodieren …

… und dann übernehmen Maschinen auch den Spaß.

 

*Übersetzen kann man das Sator-Quadrat folgendermaßen:
DER SCHÖPFER (SATOR)
LENKT (TENET)
VERBORGEN (AREPO, von repere=kriechen; a-repo: aus dem Weggekrochenen)
die RÄDER (ROTAS=Räder)
der WELT (OPERA).

**Was der QR-Code beinhaltet, müssen Sie wohl selbst herausfinden.

 

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