Lüge

8:12 – 9:13 _ Mittwoch

9. April 2014 · 1 Jahr 50, Jahrbuch für Freidenker; Robert Smajgert

Die Lüge ist ein strukturelles Element unseres menschlichen Geschehens in Sprache. Überall dort, wo Sprache geschieht, können Aussage- und Interpretationsverfehlungen Wahrnehmungszusammenhänge beeinflussen und verfälschen; was zunächst äußerst natürlich erscheint und systembedingt zu bewerten ist.

Leerstand
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Ausschlaggebend für die große, negativ besetzte kulturelle Deutung solcher Verfehlungen – die häufig als unmoralisch und ethisch verwerflich stigmatisiert sind – muss der massive Einfluss auf eine durch die Lüge enttäuschte Vorstellungs- und Erwartungshandlung beim Rezipienten des Kommunikationsprozesses aufgefasst werden.

Die Lüge schadet somit der Ökonomie einer kognitiven Verstehens- , Akzeptanz- und Planungsgewohnheit, wobei sie gleichzeitig dazu in der Lage ist, Kräfteverhältnisse zu verschieben, die sich zuvor in der VerständigungsMatrix der Kommunikationsteilnehmer innerhalb von Gemeinschaften in festen Bedeutungsgehalten eingeschrieben haben.

Auf gewisse Weise zeigt sich die Lüge somit vor allem als biologisches Selektionsmittel in bevölkerungsverdichteten Gesellschaftsformen. Sie ist eine Fortführung der Täuschung mit verbalen Mitteln im normierten Kollektiv und dient der Eroberung und Erhaltung von Futtertrögen, Existenzgrundlagen und -fortschreibungen.

Während eine unbewusste falsche Aussage nur ergebnisbezogen das Wesen der Lüge berührt, ist die Identifikation der wahren Lüge allein in direkter Proportion zur Aufdeckung des damit verbundenen willentlichen Täuschungsversuches möglich.

Daraus ist zu folgern, dass Lüge, solange sie unentdeckt bleibt, selbst als Wahrheit angesehen werden kann und erst im Verlust der Deutungshoheit als Wahrheit zur Unwahrheit wird. So spiegelt die Lüge lebendige Wirklichkeit, die Leben zerstören und sichern, aber auch Diktaturen festigen oder Revolutionen auslösen kann.

Auch wenn wir das nicht gerne hören, aber die Lüge ist als ein wesentlicher Teil unserer modernen Kultur, menschlicher Fantasie und Kreativität anzusehen. In eine pauschale Verurteilung der Lüge als verwerflich, einzustimmen, erscheint demnach äußerst wirklichkeitsfremd.

Zum existentiellen Problem wird die Lüge, wenn der freiheitsbegabte Mensch die Kausalitätsverfälschung seines Wahrnehmungskreises als permanente Schutzbehauptung für eine vermeintlich universale Handlungsbeschränkung annimmt, denn damit kastriert er sich eigenhändig von seiner daseinstransformierenden Natur.

Letztlich ist Lüge eine Frage der HandlungsÄsthetik. Welcher Zustand bringt uns das bessere Fühlen? Die Wahrheit, oder die Unwahrheit?