Mobilität wird überbewertet

Diese Gedanken widme ich vor allem denen, die jetzt auf dem Weg zur IAA im Stau stehen. Die die Erstarrung der Mobilität gerade persönlich erfahren und vielleicht, ob der Paradoxie, einen leichten Groll empfinden.

Ich sage Ihnen, der Groll ist berechtigt. In einer Zeit, in der sich das Handy mit dem PKW verbindet, die selbstdenkende Technik Pilotfunktionen übernimmt und die schadstofffreien Automobile den Markt immer noch nicht erobert haben, stellt sich vor allem die Frage: Sind Sie mit Ihrem Auto so zufrieden, dass Sie täglich mitunter mehrere Stunden darin verbringen ohne nervös zu werden? Reichen CDs, Hörbücher oder das gute alte Radio, um diese Zeit nicht als verlorene zu klassifizieren? Oder nutzen Sie die Zeit, einmal über den Zwang zur Mobilität oder deren Notwendigkeit an sich nachzudenken?

Sicher gibt es nachvollziehbare Gründe dafür, sich täglich auf das Auto zu verlassen. Die Entfernung zum Arbeitsplatz ist sonst nicht zu überwinden, der öffentliche Personen-Nahverkehr ist zu lückenhaft, oder es gibt ihn überhaupt nicht, die Logistik erfordert eine Anwesenheit im Büro, zumindest in den Kernzeiten, also dann, wenn alle fahren.

Zahlreich und unwiderlegbar sind die Argumente. Doch muss das so sein? Ist die Mobilität nicht ein Wert des letzten Jahrhunderts, der sich hartnäckig hält und vor allem deshalb nicht weichen will, weil eben jene, die ihre Errungenschaften gerade auf der IAA präsentieren, so unverbrüchlich daran festhalten?

Ist das Argument, dass es uns vor allem deshalb so gut geht, weil es der Autoindustrie mit all ihren Herstellern, Händlern und Zulieferern so gut geht? Man erinnere sich nur an die Abwrack-Prämie und ihren durchschlagenden gesamtwirtschaftlichen Erfolg – auch hier schlagende Argumente.

Doch die Aussicht ist eine andere. Die weltweite Vernetzung in immer besserer Qualität befreit ganze Berufsgruppen von einer Anwesenheit am selben Ort. Die Urlaubsreisen finden ohnehin schon mehrheitlich per Flugzeug statt, da die heimische Welt ja schon entdeckt ist, oder für jene, die in den Makrobereich ausweichen, per Fahrrad oder zu Fuß. Und das Transportwesen muss dringend mal über seine Prioritäten nachdenken, zwischen Straße, Schiene und Schiffswegen.

Nein ich glaube nicht an den Zwang zur Mobilität. Ich glaube an Kommunikation, an intensiven Austausch und an eine funktionierende Datenübertragung mit Bild und Ton. Der heimische Rechner ist ja heute schon eine kleine Kommandozentrale, die es möglich macht sogar Gegenstände aus Kunststoff zu „drucken“.

Und wer da nun an Vereinsamung und Körperschäden durch zu viel sitzen denkt, dem sei gesagt: die Zeit im Auto ist Ihre Freizeit, da kann man joggen, quatschen oder einfach mal in der Wiese liegen.

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