Meine Schallplatten

Eins vorweg:
ich kauf keine Schallplatten mehr,
schon lange nicht mehr.

Irgendwann in den 90er Jahren war es plötzlich vorbei. Das Regal war voll, in einer Kiste stapelten sich bereits noch nicht ausgepackte CDs, allerdings ohne dass es einen CD-Player gab, und die Zukunft war sowieso digital. Somit wurde eine Compilation mit Variationen des Suzanne Vega Songs „Toms Diner“ meine letzte Vinyl-Schallplatte.

Ich kaufte mir eine neue Anlage und war bereit für die neue Zeit.

Aber die alte Zeit ließ sich nicht so leicht abschütteln. Meine gut 2000 Vinyl-Schallplatten sind seitdem, jeweils sorgsam verpackt, dreimal mit mir umgezogen und haben bis heute ihren besonderen Platz im bücherfreien Wohnzimmer. Als die Freunde ihre Platten in den Keller brachten und mir anheim stellten, mitzunehmen, was ich gebrauchen könnte, wuchs die Sammlung dann doch wieder. Ich habe inzwischen einen neuen Plattenspieler, vielleicht den letzten in diesem Leben, und greife immer mal wieder ins Plattenregal, um alte Musik zu hören. Musik, die es nur dort gibt. Denn ich habe Vinyl zwar verlassen, aber nie ersetzt. Die Musik, die ich bis in die 90er Jahre gehört habe, habe ich nur auf Vinyl.

Viele von diesen Platten sind auf Sammlerbörsen gesucht und gefunden worden. Teuer bezahlt und wie ein Schatz nach Hause getragen. Es sind wertvolle Raritäten aus den sechziger Jahren darunter, Bands, deren Name heute keiner mehr aussprechen kann, wie Hapshesh and the Colored Coat in rotem Vinyl, mit dem seltenen Klapp-Cover. Schräge psychedelische Klangcollagen fanden ihre optische Entsprechung in diesen Kunstwerken, die nicht einfach nur Verpackungen waren, sondern Träger von Informationen und Aura gleichermaßen. Es gab haptische Unterschiede, Varianten in Papierstärke und Prägung, und oftmals wiederholte sich das Ganze auf dem sogenannten Inner-Sleeve, der dünnen Papierhülle, in die jede Platte sorgsam geschoben wurde, um die empfindliche Oberfläche zu schützen. Manchmal gab es zusätzliche Bilder oder Poster, und jeder der etwa das Weiße Album der Beatles im Original besitzt, ist stolz auf diese Beigaben. Man konnte den Inhalt der Plattenhüllen wunderbar selbst ergänzen, um Zeitungsausschnitte oder selbst geschossene Fotos von Live-Auftritten. Die CDs mit ihrer kaum lesbaren, winzigen Schrift können das selbst mit umfangreichen Booklets nicht wettmachen.

Dann begann doch nochmal eine neue Zeit, eine, die die alte Vinyl-Schallplatte zu neuem Leben erweckte und die CD einfach überflüssig machte. Heute lädt man sich das, was man an Informationen und Sounddateien braucht, aus dem Netz runter, legal und mit angemessener Bezahlung, und verzichtet auf alles, was an Musik einst materiell war. Wenn man die Aura aber doch will, die Magie des Materiellen, dann gibt es sie wieder, die teure, schön gestaltete Vinyl-Schallplatte mit dem angenehm warmen Sound, in einer schützenden Plastik-Hülle mit kunstvollem Cover.

Zu meinem letzten Geburtstag habe ich tatsächlich so eine geschenkt bekommen. Von der Band Rue Royale mit dem wegweisenden Titel „Remedies ahead“Abhilfe in Sicht.

Und aus der anfänglichen Irritation wurde reine Freude.

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