Lügen – wo ist das Problem?

Ist Lügen wirklich immer schlimm? Wann ist eine Lüge überhaupt eine Lüge? Lügt eigentlich nicht schon eine Frau, die sich schminkt, weil sie die Männerwelt über ihr wahres Aussehen täuscht? Oder lügt die Katze, die sich zärtlich schnurrend an mein Bein schmiegt, weil sie weiß, dass ich weiß, wie die Dose mit dem Futter aufgeht? Und wenn die liebevolle Zuwendung eine Lüge ist – kann man sie ihr wirklich verübeln?

Man muss differenzieren, finde ich. Deshalb hier meine persönliche 7-Lügen-Hitparade. Klar, dass jedes Beispiel eine tiefergehende Betrachtung verdient. Doch in erster Linie möchte ich zeigen, dass Lüge nicht gleich Lüge ist…

Meine persönliche 7-Lügen-Hitparade

Platz 7:
Karl-Theodor (…) Freiherr von und zu Guttenberg

„Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus“, entgegnete er – und er schien nach den ersten Vorwürfen ganz ehrlich überrascht. Vielleicht hat er ja wirklich nicht abgeschrieben, der Karl-Theodor, sondern sein Ghostwriter, dessen Qualität er einfach nur überschätzt hatte. Die scheinbare Lüge, er habe nicht abgeschrieben, war dann gar keine. Letztlich wäre dann nur eine Wahrheit verschleiert worden, die er allerdings noch unmöglicher hätte laut sagen können.

Dass er irgendwie gepfuscht hat, steht außer Frage. Wie es wirklich war, weiß nur der Freiherr selbst. Und eventuell sein Ghostwriter. Dass Guttenberg ein Blender sein könnte, ahnte schon mancher lange vor dem Skandal. Warum hat es niemand vorher laut gesagt?

Platz 6:
„I did not have sexual relations with that woman…“

Im Gegensatz zu Kennedy hatte Bill Clinton, was die öffentliche Bekanntheit seines Sexlebens anging, weit weniger Glück. Er habe keinen Sex mit dieser Frau gehabt, hatte er gesagt. Nun, mit Monica Lewinsky kam es wohl tatsächlich nicht zum Geschlechtsverkehr. Sie hat ihm halt einen geblasen. Ja und? Ist das nicht seine Privatsache? Und ihre? Ich sehe da kein Problem für Amerika. Für seine Frau war’s sicher eins, aber das geht den verdammten Rest der Welt doch einfach nichts an. Amerikas viel, viel größeres Problem ist seine Prüderie. Nur die zwang Clinton zu dem Versuch, sich mit der Unschärfe des Begriffs „sexual relation“ um die Ecke zu retten.

Platz 5:
„Ich habe einen Geist gesehen!“

Viele Eltern kennen das: Mitten beim „Tatort“ steht Ihre Tochter oder Ihr Sohn im Wohnzimmer und hat einen Geist gesehen. Was steckt hinter diesem Satz? Ich sehe drei Möglichkeiten:

Möglichkeit 1: Es war kein Geist im Kinderzimmer.
Das Kind weiß es auch, möchte aber, genau wie Sie, den Tatort bis zum Schluss gucken. Der Satz wäre dann das Ergebnis einer cleveren Strategie. Und – halten wir Cleverness nicht für eine gute Eigenschaft für den zukünftigen beruflichen Weg unseres Sprösslings?

Möglichkeit 2:  Ihr Kind glaubt, einen Geist gesehen zu haben.
In Wirklichkeit war es ein Traum oder der Lichtkegel eines vorbeifahrenden Autos. Dann war es keine Lüge, sondern ein Irrtum. Dies wäre die für alle Beteiligten versöhnlichste Erklärung.

Möglichkeit 3: Ihr Kind hat wirklich einen Geist gesehen.
Und wir Erwachsenen unterschätzen die sensiblere Wahrnehmungsfähigkeit von Kindern und halten ihm mit unserer verblendeten rationalen Weltsicht die Behauptung entgegen: „Es gibt keine Geister…“ Dann wäre dies die Lüge! Denn: Können Sie wirklich mit absolut hundertprozentiger Gewissheit ausschließen, dass es Geister gibt?

Meine Empfehlung: Schalten Sie den Tatort aus (spätestens am Montag gibt’s die Wiederholung) und fragen Sie Ihr Kind:
Was war das für ein Geist?
War es ein guter oder ein böser?
Woran hast du es gesehen? usw.
Trifft Möglichkeit 1 zu, würden Sie Ihr Kind dazu anzuleiten, sich eine noch bessere Strategie auszudenken. Auf jeden Fall würden Sie Ihr Kind ernst nehmen und ermutigen, über seine Ängste zu sprechen. Das wäre ein grandioser Gewinn. Und, wer weiß, vielleicht erfahren Sie eine ganz neue Wahrheit…

Platz 4:
„100 g Nutella deckt den Tagesbedarf an Vitaminen…

Im Jahr 2011 hat das Oberlandesgericht Frankfurt dem Hersteller Ferrero verboten, mit einer kleinen Zahlentrickserei auf dem Etikett Nutella als Vitaminbombe anzupreisen.

Aber: Weiß nicht jeder Mensch, also zumindest jeder, der sich mit Nährwertangaben auf Lebensmittelverpackungen beschäftigt, dass Nutella einfach lecker, aber eben nicht das Allergesündeste ist?

Das Schöne an Werbung ist doch, dass sie so gut wie nie lügt. Denn da passt die Konkurrenz schon höllisch auf. Werbetexten dürfen wir getrost vertrauen. Wir müssen einfach nur lesen, was dort nicht steht. Denn Werbung erhebt nicht den Anspruch, objektiv zu sein, sondern inszeniert einfach immer nur den verkaufsfördernden Teilaspekt der ganzen Wahrheit. Ich habe kein Problem damit, zumal die Interessenlage eines Absenders von Werbebotschaften immer hundertprozentig transparent ist.

Das ist bei den Botschaften journalistischer Medien ganz anders. Selbst die Tagesschau verkündet nicht die objektive Wirklichkeit, sondern (zwangsläufig) immer nur eine Auswahl möglicher Nachrichten. Aber: Nach welchen Kriterien wurden sie ausgewählt? Von wem? Mit welchen Absichten wurden sie inszeniert? Man kann nur spekulieren.

Abgesehen von Medien wie beispielsweise „Emma“, „Erwachet!“ oder der „Nationalzeitung“ sind die Hintergründe und Ziele journalistischer Publikationen so gut wie nie transparent.

Die meisten erwecken jedoch den Anschein von Objektivität, obwohl sie niemals objektiv sein können. Denn die objektive Wirklichkeit gibt es nicht, oder, wenn es sie gibt, ist sie keinem Menschen zugänglich. Trotzdem gibt es noch Journalisten, die an die Objektivität ihrer Berichterstattung glauben. Ich halte das für Größenwahn. Nach meiner Einschätzung ist Werbung viel ehrlicher als Journalismus.

Platz 3:
Mogadischu

Als im Oktober 1977 das Flugzeug Landshut von vier palästinensischen Terroristen entführt wurde, signalisierte man ihnen, dass man ihren Forderungen nachgebe und zum Austausch von Geiseln bereit sei. Darüber hinaus wurde der damalige, palästinenserfreundliche somalische Präsident über die Herkunft der Entführer belogen, da er sonst vermutlich die Erlaubnis für eine Befreiungsaktion verweigert hätte.

Zwei knallharte Lügen, die nach meiner Meinung so was von richtig waren:
Sie retteten 90 Passagieren das Leben.

Platz 2:
Helmut Kohl und der Mythos vom Einheitskanzler

Ob Blackout bei der Flick-Affäre oder böse, böse Erinnerungslücken im CDU-Parteispenden-Skandal. An die Namen seiner Mittäter konnte Kohl sich dann wohl erinnern, aber die durfte er nicht verraten: Er hatte ja sein Ehrenwort gegeben. Auf Basis welcher Ehre? möchte man fragen.

Die Wirklichkeit der „geistig-moralischen Wende“: Altkanzler Helmut Kohl hat das Ansehen der Politik und die Glaubwürdigkeit deutscher Politiker nachhaltig beschädigt.

Anstatt Uli Hoeness Gesellschaft zu leisten, wird Helmut Kohl als „Einheitskanzler“ mehr und mehr zum Mythos stilisiert – eine fatale Medien-Lüge.

Platz 1:
„Du sollst nicht falsch Zeugnis reden…“(?):
Die jungfräuliche Empfängnis

Kommen wir zum letzten Beispiel, einer nach meinem Geschmack folgenreichsten Lügen der Weltgeschichte: Die jungfräuliche Empfängnis.

Nehmen wir mal an, Ihnen, lieber männlicher Leser, würde Ihre Partnerin eine Schwangerschaft offenbaren, deren Verursacher Sie definitiv nicht gewesen sein können. Und Ihre Partnerin räumt nicht etwa ein, dass es sich hier um den Nachbarn oder den Postboten gehandelt habe, sondern tischt Ihnen die Geschichte auf, der heilige Geist sei’s gewesen. Ich denke mal, da könnten Sie der aufrichtigste Katholik vor dem Herrn sein, spätestens jetzt würden Sie eher ungläubig reagieren.

Vor ein paar Tagen erst haben wir den zweitausendundvierzehnten Geburtstag dieser perversen Leugnung von Sexualität gefeiert. Eine Lüge, die als zentrales kirchliches Dogma die Gesellschaft und unser moralisches Empfinden noch immer prägt: Sie ist bis heute eine wesentliche Grundlage für ein äußerst fragwürdiges Mutterbild und eine verklemmte Sexualmoral, unter der bis heute ein Großteil der Menschen leidet.

Fazit

Manchmal sind Lügen harmlos. Manchmal weiß man gar nicht, ob eine Lüge eine Lüge ist und wer eigentlich lügt. Manchmal sind kleine Lügen die Konsequenz von deutlich größeren Lügen. Manchmal retten sie Menschenleben.
Und manchmal sind sie wirklich richtig übel.

Lügen sind nicht mehr und nicht weniger als eine Variante zwischenmenschlicher Kommunikation. Sie sind per se weder gut noch böse – eine absolute Bewertung ist nicht möglich: Vielmehr können sie immer nur im Einzelfall vor dem Hintergrund ihres situativen Kontextes und ihrer Folgen beurteilt werden.

Abbildung: Illustrations from „Le avventure di Pinocchio, storia di un burattino“, Carlo Collodi, Bemporad & figlio, Firenze 1902 (Drawings and engravings by Carlo Chiostri, and A. Bongini), Quelle: Wikimedia

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