Für viele ist Kuba Castro.

Für mich war es immer nur Ché an der Wand, auf dem T-Shirt, im Papierkorb.

Lange bevor ich wusste, wie man Guevara schreibt, war Ché der Begleiter meines Alltags. Im Internat, wo die älteren Mitschüler die Dekoration der Gemeinschaftsräume bestimmten, gab es drei Ikonen an der Wand.

DDa war ein gewisser Frank Zappa, der auf dem  Klo saß und betont gelangweilt dreinblickte, gegenüber ein etwas freudvollerer John Lennon, der mit seiner Yoko für Frieden warb und ein schwarzer Schattenriss, der mit einer Haltung zwischen Versonnenheit und kämpferischem Stolz in die Ferne blickte. Das ist Ché, sagte man mir, der zu dieser Zeit, im Alter von 12 Jahren auch mit den anderen nicht viel anfangen konnte.

Ich ahnte damals noch nicht, dass alle drei, Zappa, John Lennon und Ché mich ein Leben lang begleiten würden. Harte Kontraste zeichneten dieses Bild aus, tiefschwarze Konturen auf weißem Grund, mehr ein Graffito als ein Foto und doch klar zu erkennen. Ché ist die Revolution, hieß es weiter, Ché ist Zukunft. Da war er schon 5 Jahre tot. Irgendwie kam er mir damals schon alt vor, wie eine Figur aus dem vergangenen Jahrhundert, eine Figur der Politik und nicht des Pop.

Es gab keine Musik von ihm, nicht mal Texte oder Gedichte, nur dieses Gesicht. Und es blieb immer dasselbe, ob es nun auf T-Shirts auftauchte, oder später auf den Jute-Taschen, als Button an den schwarz gefärbten Armee-Jacken oder als Aufkleber auf den Käfern oder VW-Bussen.

Selbst als ich wusste, wie man Guevara schreibt, war Ché immer nur die Ikone, das Bild für etwas diffuses, das uns half uns von unseren Eltern abzugrenzen. Ebenso wie der Herr Zappa auf dem Klo. Erst sehr viel später lernte ich, dass er Arzt gewesen war, mit dem Motorrad durch Südamerika fuhr und seinen revolutionären Hass aus diesen Erfahrungen speiste.

588px-Che_Guevara,_Guerrillero_HeroicoDoch je mehr ich über ihn las, je differenzierter das Bild wurde, desto weniger taugte er als Ikone. Heute steht das Foto von Alberto Korda, das diesem tausendfach duplizierten Schattenriss zugrunde liegt und ihn keinesfalls reich machte, eher zufällig in meinem Bücherregal. Nahezu sanft sieht Ché darauf aus, eher träumerisch und friedfertig.

Das Foto steht dort als Erinnerung an das rebellische Gefühl meiner eigenen Jugend und hat mit der Gegenwart ebenso wenig zu tun, wie mit der Ikone auf den T-Shirts.

Und wer weiß, vielleicht landet es beim nächsten Ausmisten im Altpapier.

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