Wenn Fragen Antworten sind

7:42 – 8:28 _ Samstag

15. Februar 2014 · 1 Jahr 50, Jahrbuch für Freidenker; Robert Smajgert

Bei näherem Hinsehen erscheint die mir wichtigste Frage unserer Zeit, die Antwort schon in sich zu tragen, so wie das Apollinische Orakel von Delphi es ursprünglich wohl auch gemeint hat.

`Erkenne Dich Selbst!´

trägt ein Ausrufe- nicht ein Fragezeichen. Dieser Weisheitsspruch ist ein Imperativ, die eigenen Wahrnehmungsmittel zu schärfen und dazu eine objektive Beobachtungsgabe zu nutzen, die dem Menschen zu eigen ist.

Er ist damit der letzte Abschied aus dem ‚tierischen‘ Paradies der Gedankenfreiheit, die Vertreibung aus der ‚Unschuld‘ des Fressens und Gefressen werden und das ‚gateway to freedom‘ für die menschliche Existenz.

Auf direktem Weg weist die heute noch so lebendige Weisheit des antiken Griechenlands also in Richtung selbstverantwortlichen Handelns. Doch warum verbinden wir mit der Suche nach unserem Selbst in unserer Zeit immer noch so viel Dunkelheit, Melancholie und Verzweiflung, statt das Wissen um die Erfordernisse der stets handlungskonstituierenden Wirklichkeit des menschlichen Daseins, mit der diese Erkenntnis verbunden ist, auch ’selbstbewusst‘ anzunehmen?

Warum sind wir nicht in der Lage, uns in unserem Handeln zu erkennen?

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Die Lösung liegt wahrscheinlich darin, dass das kognitive Handwerkszeug, das auf den Schultern der Sprachentwicklung ruht, sich kulturgeschichtlich in den vergangenen Jahrtausenden vornehmlich auf die Schimäre der allgemeingültigen Wahrheit gestürzt hat, um den imaginären babylonischen Denkturm der Gottallmacht nachzubauen.

Der Mensch braucht metaphysische Ideale und kognitive Dunkelkammern, um sich aus den Niederungen seiner irdischen Herkunft zu erheben, dabei neigt er zum Träumen und nicht selten zu Größenwahn. Außerdem ist es leichter, sich im abstrakten Raum der Wortspielereien aufzuhalten, statt dem jederzeit mit Schmerz, Grausamkeit, Vernichtung und Dummheit ausgestatteten realen Alltag Stand zu halten.

Die Frage nach dem ‚Erkenne Dich Selbst?* sollten wir deshalb als relatives Verharren oder Flucht in die Unmündigkeit werten, den Imperativ aber als Resultat der Aufklärung, die bereits bei den Griechen keimte und nicht erst als Gut der Neuzeit erwuchs. Der Mensch ist sein Handeln! Das Handeln ist die Wahrheit des Menschen!

Die Wirklichkeit ist nichts anders als Handeln! `Erkenne das, Mensch!´, und verstehe die Konsequenzen, die daraus erwachsen!