Nichts

22:05 – 23:05 _ Freitag

21. März 2014 · 1 Jahr 50, Jahrbuch für Freidenker; Robert Smajgert

Auch das Nichts ist ein wirkliches Geschehen, so wie alle Erscheinung im Werden. Im Unterschied zum werdenden Etwas, zeigt es sich aber als werdendes Nichts, und darin als Verneinung und Leere gegenüber seinem Gegensatz. Das Nichts gibt es nur so wenig nicht, wie es das Etwas nicht gibt, weil beide Zustände Dasein darstellen und als Werden eben nicht Sein sind.

Alle Realität des Daseins ist daher Illusion: Etwas und Nichts sind ständig in Wandel befindliche Erfahrungszustände unseres Fühlens ohne Seinsgehalte. In der Gleichsetzung von Etwas und Nichts – als Äußerungen in Kausalität eingefasster, illusionärer Wirklichkeit, die sich im Fühlspektrum unserer Existenz entfaltet – wird die Verstehenshürde des Nichts für unser Denken aus den Angeln gehoben und dem erlebbaren Erfühlen zugeordnet.

Während es unmöglich ist, das Nichts wirklich zu denken und es zu verstehen, auch wenn unsere Kognition einen hohen Abstraktionsgrad dafür entwickeln kann, so erscheint es möglich das Nichts zu erfühlen. Ein Paradox, sofern man annimmt, dass das Fühlen aus dem Nichts erwächst oder dem Nichts gilt, denn das ist unmöglich; allerdings nachvollziehbar, wenn man das Nichts als Distanz zum Etwas begreift, und die Gesamtheit der Verneinung aller Momente des Etwas schon ausreicht, um dem Nichts den eigenständigen Körper zu geben, der ihn in seinem Wesen komplett von allem Etwas abgrenzt.

Das Fühlen und die Bewegung des Nichts geschieht somit in der erlebten Distanz zum Etwas, das Fühlen und sich Aufhalten im Nichts kann als fundamentale Unberührtheit gegenüber dem Fühlenden gedeutet werden. Ausschlaggebend für die Realität des Nichts ist die Motivation und Versenkung der Erscheinung in ihr erlebbares Wirkspektrum. Das Nichts existiert, doch um es zu erfahren, müssen wir es als Distanz zum Etwas wollen und leben. Wenn wir behaupten, dass die Aufklärung ein wesentlicher Schritt in Richtung Nihilismus war, dann täuschen wir uns. Der entscheidende Impuls der Entwertung aller Werte liegt im Impuls der Entwertung aller Werte, und den verantworten wir ganz und gar selber.

21.03.2014_robert_smajgert

Nur sofern wir uns als Tiere definieren, spielt es keine Rolle darüber nachzudenken, wer und was unsere Werteannahmen gestalten.

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